Historisches
DIE LETZTE
HANDMODEL DRUCKEREI
DER SCHWEIZ

Kleine Geschichte des Modeldrucks

Schon aus vorchristlicher Zeit sind mit Stempeln bedruckte Stoffe bekannt: Aegypten, China, Mexico. Marco Polo begegnete um 1280 in Indien Stoffen, die mit Blumen und Ranken wunderbar bedruckt waren. Diese kamen mit zunehmendem Handel anfangs 17. Jahrhundert unter dem Namen "Indiennes" nach Europa und fanden viele Bewunderer und Käufer. Zuerst in Holland (1678), dann auch in der Schweiz (Genf und Neuenburg) druckte man "indisch", das heisst mit hölzernen Druckmodeln. Ein berühmtes Zeugnis helvetischen Modeldrucks fand man im Schloss Valère in Sitten, die "Sittener Tapete", heute zu sehen im Historischen Museum Basel (oder als Remake in meiner Druckerei). Die grosse Zeit des Modeldrucks in der Schweiz fand ab ca. 1740 im Glarnerland statt. Damals gab es dort 22 Druckereien, die Stoffe in die exotischsten Länder (in deren Stil gedruckt) exportieren.

Für solch detaillierte Ornamente reichten nun die in Birn- oder Buchsholz gestochenen Model nicht mehr aus. Es wurden Messingstifte und -bänder eingesetzt, später in Blei gegossene Motive aufgenagelt. Das Holz für die Model wurde schichtweise verleimt, um ein Zerspringen oder Verziehen zu vermeiden.

Heute werden in der Industrie keine Model mehr verwendet, der Sieb- oder Schablonendruck (Serigrafie) hat die zeitraubende, teure Technik abgelöst.

Unsere Modelsammlung

In einer alten Weberei in Gattikon / Sihltal baute mein Vater, Richard R. Wieland eine grosse Zeugdruckerei für Model- und Siebdruck auf, die er während über 35 Jahren führte, bis die Gebäude im Jahr 1972 abgerissen wurden. Während dieser Zeit kaufte er überall Model und Drucktische auf: im Glarnerland, im Tessin, in Neuenburg, Lyon, Basel etc. Diese faszinierenden, abwechslungsreichen Dessins aus verschiedensten Stilepochen bilden meine Arbeitsgrundlage. Die empfindlichen Hölzer müssen in feucht-kaltem Klima gelagert und ständig auf Wurm- oder Holzschwammbefall kontrolliert und behandelt werden.

Wie ich zum Drucken kam

Unsere atelierartige grosse Wohnung im 3. Stock der Fabrik in Gattikon und mein Zimmer anschliessend an die "Schablonerei" führte zu frühen, prägenden Erfahrungen mit dem Stoffdruck. Da war das frühmorgendliche Anheizen des Dampfkessels und das Klopfen des Modelschlegels zu hören. Die herrlichen Gerüche des Stoffes und der Farben in den Drucksälen, die Dampfwolken, die Färbemaschine, die Gummikocher, die Zeichnerei und die Schlosserei, alles setzte sich unvergesslich in mir fest. Das Rühren mit dem Knebel in riesigen Farbkübeln war ein Vergnügen für sich. Dazu kamen die vielen Blusen und Kleider, die meine Mutter aus den Resten oder Fehldrucken für uns nähte. Meine Schwester und ich durften immer nach Herzenslust mit Farben, Papier und Stoffen üben, die alten Model waren unser Spielzeug, die Drucker unsere Lehrer.

So kam es, dass ich nach der Handelsschule und Auslandaufenthalten selbstverständlich daheim mitwirkte, überall zugriff, als Chauffeur, in der Zeichnerei, in der Farbküche, als Druckerin, Ausrüsterin oder als Bürokraft.

Die Drucktechnik

Auf einem massiven 12 cm dicken Kastanienholztisch, mit Wachs geglättet, mit Filz belegt, wird der druckvorbehandelte Stoff fadengerade mit vielen Stecknadeln aufgespannt. Die Drucktische hatten früher eine Länge von 40 m (und 1.60 m Breite), damit immer ein "Stück" Stoff vom Webstuhl Platz hatte. Die Farbe wird mit einer Bürste im "Chassis" (Rahmen mit Gummibezug und Farbfilz = Stempelkissen) glattgestrichen, das Model gleichmässig gedippt und vorsichtig zuerst an einer Ecke, dann ganz auf den Stoff aufgesetzt. Dann klopft man mit einem schweren Schlegel, von der Hand abgefedert, immer gleich oft auf das Model. Man druckt jede Farbe mit einem neuen Model (ein Dessin kann aus bis zu 20 Modeln/Farben bestehen), einen Rapport neben den nächsten. Der Neuansatz sollte möglichst unsichtbar sein, das Muster fortlaufend wirken.

Nach dem Druck wird der Stoff wie beim Siebdruck im Dampf fixiert, die überschüssige Verdickung (Farbträger, meist Britisch- oder Arabischgummi) ausgewaschen und je nach Bedarf appretiert.

Die Qualität des Produktes

Die heute verwendeten Anilinfarben sind nach den neuesten Erkenntnissen zusammengesetzt und bestens wasch- und lichtecht. Das Druckbild wird durch die Struktur des Models natürlich lebendiger, als Maschinendruck, durch die kleinen Farbhäufchen in den Motiven wirkt alles plastischer. Die Individualität jedes Stoffes ist damit gewährleistet.

Die Möglichkeiten des Modeldruckes

Farbzusammenstellung, Einzelarrangements, Anpassungsfähigkeit der relativ kleinen Rapporte und kleine Metragen, das sind die grossen Vorteile der Verwendung von Druckmodeln. Die Anwendung der Muster kann für jeden Artikel neu konzipiert, die Farben neu gewählt werden. Es gibt hunderte von Dessins in jedem Stil, die ohne "Cliché"-Kosten gedruckt werden können. Diese Möglichkeiten kann man nutzen, sei es für ein Spezialmass einer Tischdecke oder persönliche Anordnung von Borden auf Vorhängen, Kleidern, Schals etc.

Die Produkte

Schönes Leinen, Baumwolle oder Seide eignen sich für die Modeltechnik am besten, sie bringen die Handarbeit gut zur Geltung. Ich drucke Kleiderstoffe (Blusen, Schals etc.) bis Heimtextilien (Vorhänge, Tischwäsche, Handtücher, Kissen) alles in Naturmaterialien. Erstaunlich aktuell wirken die Dessins der Wiener Werkstätte (1910 bis 1930) von verschiedenen avantgardistischen Künstlern von anfangs Jahrhundert (Josef Hoffmann, Dagobert Peche, Maria Likarz, Kolo Moser etc.)